Ich sehe was, was du nicht siehst - Priya Ka‘Alam

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Ich sehe was, was du nicht siehst - Priya Ka‘Alam

Beitrag von Storyteller am So Jun 18, 2017 6:36 pm

Rollenspielstart

Der Morgen war bereits angebrochen.
Im Wald spazierte eine junge Frau, nicht älter als 18 Jahre zwischen mächtigen Bäumen hindurch.
Der ganze Landstrich war flach und geprägt von Wäldern.
Ein Schwarm weißer Vögel flatterte schnatternd über ihren Kopf hinweg, doch die junge Frau sah sich nicht einmal nach ihnen um.
Das hätte ihr nämlich auch gar nichts geholfen, denn sie, Priya Ka‘Alam, mehr Mädchen als Frau, war blind.
Dennoch fiel es auf den ersten Blick gar nicht auf, so sicher bewegte sie sich durch ihre gründe Heimat.
Plötzlich erzitterte jedoch die Erde und ein Zischen ließ Priya herumfahren.
"Memori, ich hab mich schon die ganze Zeit über gefragt, wo du heute steckst.", erwiderte sie lächelnd und streckte ihre Hand aus.
Da schob sich auch schon der Kopf einer gigantischen Echse hinter einem Baum hervor und Memori rieb seine schuppige Schnauze liebevoll an der Hand des Mädchens, das einen Schritt vor tat und ihre Stirn an seinen Kopf legte.
Zufrieden brummelte die Echse, die eigentlich alles, nur nicht harmlos aussah.
Am Kinn wuchs ihm ein Bart aus Stacheln und der Hals war wie die Mähne eines Löwen bedeckt, nur waren es keine Haare, sondern, wie am Kinn, Stacheln.
Priya tat er aber nichts, denn sie war seine beste Freundin.
Memori legte sich nun spontan auf den Bauch und brummelte erneut, woraufhin sich die Blinde vorsichtig seinen Körper entlangtastete, bis sie zu seinem Schwanz kam, über den sie auf seinen Rücken stieg, um sich dort auszustrecken und zu dösen.
Eine Weile blieben Echse und Mensch dann ruhig zusammen liegen.
Memori genoss eine sanfte Streicheleinheit, während Priya der Atmung des Riesen lauschte.
Doch die Stille endete abrupt, denn ein Ast knackte, woraufhin das Schuppenwesen die eben erst geschlossenen Augen aufriss und ein verärgertes Zischen ausstieß.
"Ich sagte doch, du warst zu Laut! Tu einmal das, was ich dir sage!", regte sich eine jugendliche, männliche Stimme auf und eine Kinderstimme antwortete verspielt: "Ich, Kalipay, schwöre, nächstes Mal zu tun, was mein großer Bruder Idunu, mir gesagt hat!"
"Genau das gleiche hast du zu Priya auch schon gesagt, du Dummkopf!", schollt der Ältere und kam hinter dem Baum hervor, wobei er direkt vor Memoris gefletschte Zähne lief.
"Ist ja gut, großer. Sind nur wir...", erklärte Idunu nun und zerrte seinen Bruder hinter sich her.
Priya hatte sich in der Zwischenzeit aufgesetzt und den Kopf in Richtung der Stimmen geneigt, jetzt sprach sie in sanftem Ton: "Wer sollte es sonst sein, außer meine Brüder? Sonst schleicht zur frühen Stunde niemand durch Hutan'Burung."
"Du tust es doch auch, dabei ist die Sonne noch nicht einmal fertig aufgegangen.", wandte Kalipay ein.
"Ich seh das ja gar nicht, Kali. Schon vergessen? Ich höre nur, dass die Morgenvögel schon alle singen. Also muss es morgen sein."
Idunu schüttelte den Kopf und meinte: "Wir sind ja auch nicht zum Spaß aufgestanden und her gekommen. Wir haben gestern etwas Tolles entdeckt. Das musst du dir unbedingt ansehen! Oder anhören... oder fühlen... Komm! Aber bitte, lass Memori da, der verschreckt sonst alle."
"Du verrätst ihr noch unsere Überrschung! Komm liebe Schwester, komm!", forderte der Jüngste.
Priya reckelte sich daraufhin und testete sich wieder zum Schwanz der Riesenechse, die widerwillig eine Rutsch formte, damit seine Freundin diese hinab rutschen konnte.
Dort wurde sie von ihren Brüdern bereits an beiden Händen genommen und durch den Wald gezogen.

Über eine halbe Stunde liefen die Geschwister durch Hutan'Burung und blieben schließlich stehen.
"Sie sind noch da! Ganz leise sein und hocke dich hin! Hör genau hin, Schwesterchen!!", flüstere Idunu, ehe auch er schwieg.
Dann vernahm Priya das Scharren und Schnauben von Pferden, die ihre Brüder entdeckt hatten.
"Wie sehen die Tiere denn aus?", wollte sie im Flüsterton wissen und Kalipay erklärte erregt: "Sie sind ganz weiß. So schön schmal, so ein glänzendes Fell. Die Mähne sieht aus wie eine Schaumkrone am Strand von Kitas'Vandenynas. Aber die Hufe sind so klein und auch ihr Kopf..."
"Aber das tollste daran ist, dass sie Hörner tragen. Das sind ganz seltene Einhörner!", ergänzte Idundu gedämpft und hielt seinem kleinen Bruder den Mund zu, weil dieser zu laut geworden war.
Trotzdem ignorierten die weißen Einhörner die Kinder vollständig.
Priya hörte dann aber eines der Tiere quieken, ein paar Schritte machen und dann schnauben, ehe sich auch die anderen in Bewegung setzen, um den Artgenossen zu folgen.
Verträumt lauschte die blinde, junge Frau den Geräuschen und stellte sich vor, wie die gehörnten Pferde durch den Wald galoppierten.
Sie konnte diese zwar leider nicht sehen, doch sie erfreute sich alleine schon an der Vorstellung dieser schönen und seltenen Wesen.
Vielleicht träumte sie ja von ihnen, doch jetzt galt es, ihre Brüder wieder nach Hause zu bringen, bevor sich ihre Eltern Sorgen machten.
Und das ging sehr schnell.

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Beitrag von Storyteller am Sa Jul 29, 2017 8:56 am

Tatsächlich warteten Priyas Eltern bereits auf die Ankunft ihrer Kinder zum Frühstückstisch.
Ihr Vater, Perthynas, runzelte beim Eintreter seiner Kind im Pack die Stirn und fragte: "Was verschlägt euch so früh schon raus?"
"Meine Brüder haben mir nur etwas Besonderes zeigen wollen. Es tut uns leid, dass wir so spät dran sind.", entschuldigte sich das blinde Mädchen und tastete sich zum Sessel, um sich dazu zu gesellen.
Auch ihre beiden Brüder setzten sich an den Esstisch.
"Und was war um diese Zeit schon so wichtig?", wollte Tirumpa, die Mutter, wissen.
Sofort begannen daraufhin Kalipay von den Einhörnern zu erzählen und die Familie lauschte dem während dem Essen.
Es war eigentlich eine angenehme Unterhaltung, bis schließlich der Herr im Haus das Thema wechselte.
Es begann mit einem Räuspern: "Wir sollten uns nun aber ernsteren Dingen zuwenden."
Daraufhin wurde es fast schlagartig still und Idunu hinterfragte skeptisch: "Haben wir was angestellt?"
"Nein, habt ihr nicht.", kam die Antwort, doch die nun erwartungsvolle Haltung des Vaters sprach trotzdem von Strenge und hohen Erwartungen.
Die Arme waren verschränkt, er Blick nun direkt auf Priya gerichtet, als er zu ihr meinte: "Die Ferien sind schon so gut wie vorbei und da du mit der Schule fertig bist, wird es Zeit, auf die Zukunft zu achten."
Die Blinde, welche die Haltung des Vaters nicht wahrnehmen konnte, vernahm nur den unliebsamen, schärferen Ton, der ihr bereits sagte, dass er bereits genau wusste, was er wollte.
Ihre Zukunft war verplant, das ahnte sie jetzt schon.
Vorsichtig fragte sie daher: "Du hast das wohl bereits übernommen, Papa. An was hast du gedacht?"
Ihre Brüder waren still und Tirumpa, die bereits davon wusste, mischte sich nicht ein.
Schließlich eröffnete der Familienvater: "Ich habe dir einen Job in Kitas'Vandeny verschaffen können. Ein guter Bekannter hat mir zugesagt, dich einzuschulen."
Die Brüder, Idunu und Kalipay, waren schockiert: "Aber dann muss Priya ja ausziehen!"
"So ist es.", bestätigte der Vater und wartete auf die Reaktion seiner Tochter.
Doch es kam keine wirkliche, denn die Blinde fragte einfach nur: "Und was darf ich dann genau machen?"
"Teman Ta'Barranin hat ein Hotel und braucht jemanden, der ihm bei Routinearbeiten hilft. Es sind sehr praktische und einfache Tätigkeiten, die du im Nu auswendig kannst.", erklärte ihr Vater sofort.
Tirumpa fügte sofort hinzu: "Und es wird dir ganz sicher Spaß machen."
Daran zweifelte das blinde Mädchen, auch wenn sie nichts gegen diese Offenbarungen einzuwenden hatte.
Sie wusste, das sie niemals mehr tun können würde, denn als blindes Mädchen war sie eigentlich nicht dazu in der Lage, großartige Arbeiten zu verrichten.
Denn für das meiste musste man eines können: Sehen was man tat.
Und genau das blieb ihr verwehrt.
Priya nahm jedoch zur Kenntnis, dass ihr beiden Brüder Proteste einlegten und versuchten, ihre Eltern dafür zu überzeugen, dass sie Hutan'Burung bleiben durfte.
"Kinder, hört auf mit eurem Vater zu diskutieren und nehmt euch ein Beispiel an eurer Schwester. Sie weiß, dass es nur Vernünftig ist.", mahnte die Mutter schließlich zur Ordnung.
So verstummten alle Einwände und es kehrte eine ungemütliche Stille ein.
In diese hinein stellte Priya die letzte Frage: "Und wann geht es los?"
Vielleicht hatte sie noch genug Zeit dafür, sich mit dem Gedanken anzufreunden.
Und wenn ihr das nicht gelang - tja - musste sie sich eben einfach damit abfinden.
Die Blinde hatte schon so viel einfach hingenommen, da war ein neues Leben am Strand von Haree'Dil wohl auch kein Übel mehr.

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